Huflattich

Wissenschaftlicher Name: Tussilago farfara L.

Bei Wanderferien im Schwarzwald mit winterlichem Aprilwetter begegneten mir neben den letzten Schneeflecken gelbe, sonnenwarme Blütenköpfe: der Huflattich wird seiner Rolle als erstem Frühlingsboten absolut gerecht. Beflügelt von den sonnenwarmen Blütengrüssen wollte ich mehr über die optisch fröhliche Pflanze erfahren. Nach ersten Recherchen tauche ich voller Spannung in die faszinierende, ethnobotanische Geschichte dieser Pflanze ein.

Wie erkenne ich den Huflattich?
Im Frühjahr – zum Teil bereits ab Februar bis April – schiebt der Huflattich seine gelben Blütenköpfe an 10 cm später bis zu 30 cm langen, beschuppten Stängeln aus dem Boden. Die Laubblätter folgen erst nach dem Blühstadium der Pflanze. Der Hufeisenform der Laubblätter verdankt die Pflanze auch ihren Namen. Den grossen Blättern entstammt die Bezeichnung Lattich, was vom lateinischen lapaticum herrührt und grossblättrige Pflanzen beschreibt.  Die gestielten Blätter sind durch ihre weissfilzige Unterseite zu erkennen. Zur Sommerzeit ist die krautige Pflanze mit der Weissen Pestwurz, die viel grössere Blätter trägt, zu verwechseln.

Die Pflanze verteilt ihre Samen nach der Bestäubung durch Bienen, Käfer und Schwebfliegen mit Hilfe von Schirmchen, ähnlich dem Löwenzahn. Ebenso bilden sich aus dem Wurzelstock  Wurzelausläufer aus, welche bis zu 2 Meter länge erreichen können.

Wo wächst der Huflattich?
Der Huflattich ist nicht nur bezüglich der Jahreszeiten eine Pionierpflanze, sondern zeigt sich auch bei der Neubesiedlung von Flächen als forscher Geselle:  Ödland, Baustellen, lichte Waldränder, Ufer, Steinbrüche – der Huflattich kommt mit unterschiedlichen Untergründen zurecht. Am liebsten ist dem Huflattich, wie unser Beispiel im Schwarzwald zeigt, feuchter, humusarmer Boden.  Die Pflanze ist sowohl in Europa, Afrika und Asien verbreitet und als invasive Pflanze auch in Nordamerika zu finden.

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Kulturelle Einbindung: der Huflattich als medizinischer Begleiter
Bei Dioskurides (Pedanios Dioskurides, 1 Jh n.Chr.) treffen wir den Huflattich in der Materia Medica noch unter dem griechischen Namen bechion an. Schon dieser Name weist (griechisch bex: Husten) auf die Heilwirkung bei Erkältungskrankheiten hin. Mit dem lateinischen Namen tussilago farfara trägt Dioskurides dazu bei, dass der Pflanze diese Tradition nicht abhanden kommt. Tussilago von tussis (lat.:Husten) und agere (lat.: vertreiben) beschreibt die hustenstillende Wirkung. farfara wird in einigen Quellen als Hinweis auf die filzige Blattunterseite farina (lat.: Mehl) und ferre (lat.: tragen) interpretiert, zum Teil jedoch auch auf  far (lat.: Getreide) und fugio (lat.: in die Flucht schlagen) bezogen, was sich auf Getreidescheuche bezieht. Wie auch immer: der Huflattich wurde als Heilpflanze bei Husten und weiteren Gebrechen empfohlen. Dazu der Quelltext von Dioskurides rechts.

Die in der Antike typische Behandlungsmethode des Räucherns der Heilpflanze wird hier beim Huflattich von Dioskurides bei trockenem Husten und Luftnot empfohlen. Dies stelle ich mir ehrlich gesagt nicht sehr erleichternd vor. 🙂

Das Bechion [Einige nennen es Richion, Andere Petrine, Peganon, Pithion, Pagonaton, Chamaileuke, Procheton, Arkophyton, Chamaigeiron, die Aegypter Saartha, die amer Tusilago, Pharpharia, Pustulago, die Bessier Asa] hat epheuähnliche Blätter, aber grösser, sechs bis sieben, an der Oberseite sind sie grün, auf der Unterseite weiss und haben mehrere Ecken, der Stengel ist eine Spanne hoch. Es entwickelt im Frühjahr eine gelbe Blüthe, wirft Blüthe und Stengel aber bald ab, weshalb Einige glaubten, die Pflanze habe weder Stengel noch Blüthe. Die Wurzel ist zart. Es wächst an Buchen und feuchten Stellen. Seine Blätter mit Honig fein zerrieben als Umschlag heilen roseartige und alle anderen Entzündungen. Trocken aber zur Räucherung augezündet hilft es denen, die von trockenem Husten und Orthopnöe belästigt worden, wenn sie den Dampf mit geöffnetem Munde aufnehmen und herunterschlucken. Es öffnet aber auch die Absecesse in der Brust. Dasselbe leistet auch die Wurzel in der Räucherung. Sie treibt in Honigwasser gekocht und getrunken den todten Embryo aus.

Pedanios Dioskurides
Materia Medica (Buch III, 116/126)
deutsche Übersetzung  Julius Berendes, 1902

Bei Gaius Plinius Secundus Maior, auch Plinius der Ältere (* 23 oder 24 n. Chr.; † 25. August 79) treffen wir den Huflattich im enzyklopädischen Werk Naturae historiarum in folgendem Kapitel 30 des Buch 26 an (siehe Quelltext rechts).

Spannend finde ich den treffenden Hinweis, dass der Huflattich als Zeigerpflanze für Staunässe fungieren kann. Aber bei der Pflanzenbeschreibung scheint Plinius sich auf falsche Angaben zu beziehen oder eine falsche Beobachtungszeit gewählt zu haben: natürlich hat der Huflattich wunderschöne Blüten und sowohl diese, wie auch die Blätter sitzen auf Stängeln.

Der Huflattich wird auch „Hustenkraut“ (tussilago) genannt. Es gibt von ihm zwei Arten. Wo der wilde wächst, vermutet man darunter Wasservorkommen und für die Brunnensucher ist dies ein Merkmal. Die Blätter sind etwas grösser als beim Efeu, fünf oder sieben <an der Zahl>, der Erde zu weisslich, nach oben blass; er hat keinen Stengel, keine Blüte, keinen Samen und eine dünne Wurzel. Einige glauben, das àrkeion sei diesselbe Pflanze, die man auch mit einem anderen Namen „Zwergpappel“ [chamaileùke] nennt. Der Rauch der mit ihrer Wurzel getrockneten Pflanze soll, mittels eines Rohres eingeatmet und geschluckt, alten Husten heilen; man muss aber bei jedem Atemzug Rosinenwein nehmen.

Gaius Plinius Secundus Maior, auch Plinius der Ältere
Naturae historiarum Buch 26, Kapitel 30

deutsche Übersetzung

Im Mittelalter ehrt auch Hildegard von Bingen (* 1098; † 17. September 1179) und beispielsweise Paracelsus (Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim, * vermutlich 1493; † 24. September 1541) die Heilkraft des Huflattichs in der Tradition der antiken Gelehrten wie Dioskurides, Plinius oder Galenos von Pergamon. Gerne möchte ich als Bindeglied zur heutigen Zeit die Zeilen von Sebastian Anton Kneipp (* 17. Mai 1821; † 17. Juni 1897) anfügen (siehe Quelltext rechts)

Sebastian Kneipp zeigt die Vielfältigkeit der Wirksamkeit des Huflattichs auf. Der Huflattich enthält auch auf wissenschaftlich nachgewiesener Ebene eine Vielzahl an wirksamen Inhaltsstoffen: Schleimstoffe (Polysaccharide), Gerbstoffe, Phenolcarbonsäure (Chlorogensäure), Pyrrolizidin-Alkaloide (Senkirin, Senecionin, Tussilagin). Mit der genauen wissenschaftlichen Untersuchung des Huflattichs endete jedoch nach über 2000 Jahren auch der Erfolgskurs des Huflattichs im Einsatz gegen Erkältungskrankheiten der Atemwege. Die Komission E (https://de.wikipedia.org/wiki/Kommission_E) bestätigte zwar die Wirksamkeit der Huflattichblätter bei „akuten Katarrhen der Luftwege mit Husten und Heiserkeit“ sowie „akuten, leichten Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut“. Jedoch besteht für die teilweise giftig wirkenden Pyrrolizidin-Alkaloide eine Nulltoleranzempfehlung. Beim Aubbau der Pyrrolizidin-Alkaloide im Körper kann es zu Leberschäden kommen und sie können potenziell kanzerogen wirken. Somit stehen andere schleimstoffhaltige, pflanzliche Arzneimittel als Alternative nahe: Spitzwegerich, Eibisch, Lindenblüten oder Malve beispielsweise. Jedoch gibt es laut Quellen im Handel auch Huflattichpflanzen angeboten, welchen durch gezielte Zucht die Pyrrolizidin-Alkaloide fehlen. Also doch noch ein Hoffnungsschimmer für den altbewerten Hustenstiller?

Hufflatich (Tussilago farfara L.)
Der Schöpfer hat manches Kraut und manche Pflanze wachsen lassen, die man wenig achtet oder gar verachtet, so dass man eine Freude hat, einer solchen Pflanze einen Fusstritt geben zu können. Dieses Schicksal trifft auch den Huflattich, weil er gewöhnlich als das reinste Unkraut gilt. Wer aber diese Pflanze kennt, wird sie hochschätzen und als vorzügliches Hausmittel behandeln.
Zum Reinigen der Brust und zum Säubern der Lungen ist es sehr ratsam, Lattichtee zu trinken. Engbrüstigkeit und Husten kann recht leicht durch diese eine Pflanze behoben werden, besonders wenn eine Anlage zur Schwindsucht vorhanden ist. Diese Blätter können, auf ein Tuch geheftet oder auch ohne dasselbe, auf die Brust gelegt werden. Sie ziehen die Hitze aus, hemmen Schwächen oder entfernen die Fieber. Vorzüglich wirken diese Blätter auf offene Geschwüre gelegt; sie nehmen die Hitzem den Zuschlag (Röte) und ziehen die schädlichen Stoffe nach aussen.
Ganz besonders wirksam zeigen sich die Blätter bei offenen Füssen, wenn die Stellen blau und schwarz, stark entzündet sind; sie nehmen die Hitze und den Schmerz, und wiederholt aufgelegt sind sie ein ausgezeichnetes Heilmittel. Also [ebenso] bei hitzigen Geschwüren, bei Rotlauf, Gesichtsrose und ähnlichen Zuständen haben wir im Huflattich ein vorzügliches Mittel. Diese Huflattichblätter können auch im Schatten getrocknet, zu Pulver gerieben und als solches eingemonne werden; täglich zwei- bis dreimal jedesmal ein bis zwei Messerspitzen voll; dieses Pulver kann sogar in der Kost eingenommen werden.

Sebstian Kneipp aus Pfarrer Kneipps Haus-Apotheke

Verwendet werden als Tee aufgegossen die getrockneten Blätter und Blüten:
Laut Empfehlungen beträgt die Tagesdosis 4,5 bis 6 g der Droge. Die Dauer der Anwendung darf nicht länger als 4 bis 6 Wochen pro Jahr betragen. Während der Schwangerschaft und Stillzeit muss vollständig darauf verzichtet werden.

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